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Produktive Arbeit?


Karl Reitter

Produktive Arbeit?

Diskurse und Theorien


Dieser kleine Text ist ein Versuch, einige allgemeine Überlegungen zum Thema Arbeit vorzulegen. Kein Punkt hier ist ausführlich dargestellt, aber manches Mal ist es auch nützlich, mit einer groben Skizze zu arbeiten und sich nicht im Wald zwischen den Bäumen zu verlieren. Es ist auch ein Versuch einer Orientierung, zugleich ein Vorschlag, über welche Achsen über Arbeit diskutiert werden könnte.

Arbeit: Ausdruck der Unfreiheit oder unserer Vermögen? Wie ist Arbeit überhaupt zu bewerten? Ich denke, zwei prinzipielle Antworten lassen sich aktuell erkennen: Eine Strömung vermeint, in der Wertschätzung der Arbeit ein prinzipielles Moment der Herausbildung der modernen Arbeitsgesellschaft zu erkennen. Arbeit wäre ursprünglich mit Not, Zwang, Plage und Mühsal verbunden gewesen, dafür biete die Etymologie reichhaltige Belege, die von diesem Diskurs gerne und ausführlich zitiert werden. Zu arbeiten käme den Unfreien, denjenigen zu, die sich nicht höherwertigen Aufgaben widmen konnten – wodurch auch immer. Für diese Auffassung kann paradigmatisch das Werk von Hannah Arendt angeführt werden. Arbeit ist für sie Zeichen der Knechtschaft, resultatlos, sich im ewigen Kreislauf erschöpfend. Eine Gesellschaft wie die Moderne, die sich auf Arbeit gründe, könne von den wahren menschlichen Tätigkeiten, so Arendt, dem Herstellen und Handeln letztlich nur noch vom Hörensagen wissen. Der Focus auf Arbeit müsse letztlich die Gesellschaft entleeren und verflachen. Eine gewisse Tendenz zur Affirmation aristokratischer Tugendgemeinschaften ist dieser Kritik nicht abzusprechen.

Ähnlich, aber mit anderer Akzentsetzung argumentierten jene, die die Hochschätzung der Arbeit mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise verknüpfen. Arbeit, so werden wir erinnert, wurde vor allem im Arbeitshaus durchgesetzt, in der praktisch gewendeten Polemik gegen Arme, Landstreicher und Müßiggänger. Die Wertschätzung der Arbeit wäre historisch das erste Vehikel, Menschen auf den kapitalistischen Verwertungsprozess zuzurichten. Alles wird zu Arbeit, nun gibt es sogar die Traumarbeit, die Beziehungsarbeit und die Arbeit am Begriff. Arbeit als Basis der sozialen Verhältnisse zu akzeptieren bedeute, die herrschenden Verhältnisse zu akzeptieren. Zudem: erwies sich der Widerstand gegen die Arbeit nicht immer als Moment sozialrevolutionärer Bestrebungen, als Ausdruck von Selbstbestimmung? Also, weg mit der Arbeit?

Obwohl die „Arbeitkritik“ auch manche richtigen Aspekte anspricht, halte ich sie letztlich doch für eine Sackgasse. Nicht nur, dass Arbeit unaufhebbar ist – sie kann wohl im Ausmaß reduziert werden, bleibt aber als Notwendigkeit bestehen –, Arbeit hat positive Qualitäten. Ist nicht das Verbindende zwischen uns, dass wir arbeiten, oder, sagen wir es allgemeiner, tätig sind? John Holloway, dessen Buch „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ international breit diskutiert wurde, verknüpft das „Wir“ mit dem „Tun“ – einem Tun, das durch die Formen der kapitalistischen Produktion gebrochen und zersplittert wird. Das Tun würde uns eigentlich verbinden; unser Gemeinsames ist nur in Verbindung und Verknüpfung. Aber unsere Tätigkeit ist nicht frei, kein Fließen, kein freies ineinander Einklinken, sondern bestimmt durch Markt, Warenform und das Diktat. Als Mittel des Gelderwerbs ist Arbeit den Mechanismen der Kapitallogik unterworfen.

Aber dass wir arbeiten, ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern diese Tätigkeit entspringt auch unserem Bedürfnis: Das Problem ist nicht die Arbeit selbst, sondern die Umstände unter denen wir sie verrichten, die zweifelhaften Bewertungen, denen sie ausgesetzt ist. Wie können wir einen positiven Bezug zur Arbeit – die wir doch alle verrichten – behaupten, wo doch unsere Tätigkeit zwischen Zwang und Freiheit, zwischen Anerkennung und Ignoranz, zwischen Mittel zum Erwerb und hoffnungslos unentlohnter Tätigkeit zerrieben erscheint. Gibt es die Arbeit überhaupt? Oder pflegen wir nicht einen sinnlosen Überbegriff, den wir lieber aufgeben sollten? Hilft es uns, Arbeit neu und immer wieder neu zu definieren, gegen herrschende Definitionen?

Form und Inhalt

Um die Debatte sinnvoll und klärend führen zu können, möchte ich auf die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt zu sprechen kommen. Diese Unterscheidung ist nicht neu, sie durchzieht das gesamte Werk von Marx; auf Basis dieser Unterscheidung sind auch die hartnäckigen Missverständnisse zu klären, die sich um den Ausdruck „produktive Arbeit“ bei Marx ranken.

Die Form der Arbeit ist immer gesellschaftlich. Als Beispiele für Arbeits­formen wären die Sklavenarbeit, die Fronarbeit und gegenwärtig die Lohnarbeit zu nennen. Verschiedene Formen der Arbeit existieren immer gleichzeitig, heute vielleicht mehr denn je. Neben der eigentlichen Lohnarbeit existieren andere Formen von Erwerbsarbeit, aber auch die Hausarbeit, die Subsistenzarbeit und alle jene Tätigkeiten, die unentgeltlich verrichtet werden und bei denen es zweifelhaft bleibt, ob damit ein Einkommen erzielt werden kann. Alle, die im künstlerischen, wissenschaftlichen oder medialen Bereich tätig sind, kennen diese Situationen zur Genüge. Zwischen der gesellschaftlichen Form, in der Arbeit ausgeübt wird, und ihrem Inhalt, dem eigentlichen Prozess, besteht zwar eine enge Verbindung, aber keine Identität. Weder sind der Arbeitsprozess, seine Mittel und Verfahren, von der kapitalistischen Form völlig unberührt, noch bestimmt letztere den Inhalt der Arbeit so vollständig, dass jedes Moment eindeutig kapitalistischen Charakter trägt. Leider wird die Marxsche Unterscheidung zwischen formeller und reeller Subsumtion oftmals in diesem Sinne missinterpretiert, als würde reelle Subsumtion die vollständige Durchdringung der Gesellschaft mit kapitalistischer Logik bedeuten.

Formelle Subsumtion meint ganz allgemein die Unterordnung des Arbeitsprozesses unter die Kapitalverwertung, in diesem Sinne ist die formelle Subsumtion immer gegeben, sie ist keinesfalls auf die Frühphase der kapitalistischen Produktionsweise eingeschränkt. Schon diese ganz allgemeine Unterordnung drückt jedem Arbeitsprozess den Stempel des Profitinteresses auf. Später, so Marx, tritt dann die reelle Subsumtion hinzu. Diese bedeutet wohl eine weitere Umformung der konkreten Arbeit, historisch vor allem durch den Einsatz der Maschine und großen Industrie, wie Marx im „Kapital“ zeigt. Allerdings, und das ist der Punkt, besitzt jeder Arbeitsprozess wesentliche Aspekte, die über die kapitalistische Produktionsweise hinausweisen, auch in der Phase der reellen Subsumtion. Marx expliziert dies oftmals am Arbeitsmittel, der Maschine. Obwohl er bereits in seiner frühen Polemik gegen Proudhon darauf verweist, dass die Maschine als Kriegsmittel wider die rebellierenden ArbeiterInnenmassen eingeführt wird, und er diesen Gedanken im „Kapital“ mehrfach wiederholt, betont er ebenso regelmäßig, dass die Maschine nicht mit ihrem Einsatz im kapitalistischen Produktionsprozess identisch ist.

Auf dieser Identität und Nichtidentität beruht die Marxsche Formkritik überhaupt. Ihren Ausdruck findet sie in der Kritik der Trinitarischen Formel. Arbeit, Boden und Kapital erscheinen als unabhängige Quellen des Reichtums und damit des Einkommens. Die Identifikation von Arbeitsmittel und Gegenstand, von Grund und Boden und von Arbeit mit spezifischen gesellschaftlichen Formen ist aber Grundlage der bürgerlichen Legitimation von Einkommen. Sie erscheinen als die notwenige, quasi natürliche Form der Dinge, sind aber bloß dem Kapitalismus entsprechende relative Formen. Aber weder ist Boden unabdingbar als Eigentum, noch sind Maschine und Rohstoffe unabdingbar Kapital und drittens ist Arbeit nicht unabdingbar Lohnarbeit. Diese Kritik wäre aber nicht möglich, wenn alle diese Elemen­te in der Realität mit ihrer spezifisch gesellschaftlichen Form zusammenfallen würden. Genau das ist nicht der Fall. Ein Stück Erdoberfläche bleibt ein Stück Erdoberfläche, auch wenn es als Eigentum gehandelt werden kann. Die Maschine ist von ihrem Einsatz als Kapital zu trennen.

Die Arbeit, als konkreter Prozess, muss, je nachdem, chemischen, physikalischen, aber auch ästhetischen, kommunikativen und kognitiven Gesetzen und Kriterien entsprechen. Diese Kriterien sind nun keineswegs durchgehend ungesellschaftlich. Das Produkt der Arbeit, ob es nun dem Bedürfnis des Magens oder der Phantasie entspricht, muss einen für andere interessanten Gebrauchswert darstellen, soll es sich am Markt bewähren. Bleiben wir bei der „Phantasie“, wie Marx sich ausdrückt. Sowohl bei materiellen als auch bei immateriellen Arbeitsprodukten sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, das Imaginäre der Gesellschaft, wie Castoriadis sagen würde, inhärent. Wir können Produktion (durchaus im weitesten Sinne) niemals als bloß funktional verstehen, so, als ob damit einfache Bedürfnisse befriedigt werden würden, die keinerlei gesellschaftlich-geschichtlichen Index trügen. Marx kennt und anerkennt diese Überlegung selbstverständlich, nicht ohne Ironie zitiert er den Brandwein einerseits und die Bibel als Beispiele für Gebrauchswerte von Waren. Gebrauchswerte sind keineswegs neutral. Möglicherweise sind bei materiellen Produkten mehr ökologische, bei immateriellen Produkten mehr imaginäre Aspekte relevant, aber selbst diese Gegenüberstellung ist problematisch.

Aber gesellschaftlich ist nicht kapitalistisch! Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass die Verhältnisse von Antagonismen, Konflikten und Widerstand geprägt sind, dann finden diese Momente auch in der unendlichen Mannigfaltigkeit der Gebrauchswerte ihren Ausdruck – es ist nicht nur alles Schund, was produziert wird.

Arbeit als soziales Verhältnis

Lohnarbeit ist immer ein soziales Verhältnis, das sich zwischen dem Käufer und den Verkäu­fern der Arbeitskraft entspinnt. Die Anwendung der Arbeitskraft ist der Form nach despotisch und muss despotisch sein, wie immer auch ihr Inhalt bestimmt ist. Hat sich nun diese hierarchisch-despotische Form der Arbeit gewandelt, sei es durch den Widerstand in den 60er und 70er Jahren gegen das Fließband, sei es aus anderen Gründen? Verkündeten nicht Hardt und Negri im viel beachteten Buch „Empire“, dass nun wir, in ihren Worten die Multitude (Menge) die Produktion bestimmen, und sich die Herrschaft des Kapitals als bloßes leeres Kommando darüber legen würde? Wir können diese Auffassungen als Illusionen ad acta legen. Zu viele soziale Erfahungen in der Arbeitswelt sprechen dagegen. In diesem Zusammenhang gibt es eine kleine, aber symptomatische Geschichte. Der Autokonzern Fiat errichtete im süditalienischen Melfi eine Fabrik, in der neue, partizipative Modelle sozialer Interaktion angewandt wurden. Melfi galt als nachfordistischer Muster­betrieb. Im großen Streik von 2004 entpuppte sich das Werk als besonders von Arbeitshetze und unterdurchschnittlicher Entlohnung gezeichnet. Vom Ende des Fabrikdespotismus keine Spur, im Gegenteil.[ 1]

Die Rückgabe von Kompetenzen und die Möglichkeit, bestimmte Aspekte der Arbeit selbst zu bestimmen, erfolgen fast ausschließlich entlang der Ausweitung des Marktprinzips. Ab­tei­lun­gen, Produktionsabläufe, bestimmte Arbeitsvorgänge werden ausgegliedert und stehen nun in einem unmittelbaren Marktverhältnis zum Auftraggeber; die Rechnungslegung ersetzt die ursprünglich bürokratisch-hierarchische Organisationsform. Nach diesem Muster wird gegenwärtig nicht nur die große, weltumspannende Produktion organisiert, sondern dieses System wird auch in kleinräumigen Bereichen relevant. Ein Resultat sind die wachsende Masse der Scheinselbstständigen, die gerade auch im Bereich der Kunst, der Medien und der Wissenschaft als neuen UnternehmerInnen ihre Dienstleistungen auf dem Markt anzu­bieten haben. In der Realität werden dadurch formelle Hierarchien durch informelle Ab­hängig­keiten ersetzt. Wie Paolo Virno treffend feststellte, erleben wir eine Rückkehr der un­mittelbar personellen Abhängigkeit, die scheinbar durch die Versachlichung der sozialen Be­zie­hungen überwunden schien; das soziale Beziehungsmuster „der Fürst und seine Va­sallen“ findet in den postfordistischen, pekären Arbeitsbeziehungen eine fröhliche Wieder­kehr. Analytisch erweisen sich diese Arbeitsformen als simple Stücklohnarbeit, auch wenn es sich bei dem „Stück“ oftmals um eine komplexe, immaterielle und kreative Leistung handelt.

Zweimal produktive Arbeit

Arbeit findet zweifach statt. Einmal als Lohn- und Erwerbsarbeit im kapitalisierten Sektor, das andere Mal als unbezahlte Arbeit in vielen Bereichen, sei es als Hausarbeit, als Repro­duktions­arbeit, als Subsistenzarbeit. Was ist nun produktive Arbeit? Prinzipiell ist jede Tätigkeit produktiv, die ein Resultat zeitigt, unabhängig von der gesellschaftlichen Form, in der sie ausgeübt wird. Das ist auch die Sichtweise von Marx. In einer durchaus amüsanten Passage in einer Vorarbeit zum Kapital führt er den Begriff der Produktivität über die Arbeit hinaus. Auch der Verbrecher und das Verbrechen seien produktiv, da es nicht nur die Rechtssprechung, die Gerichte und die Anwälte gebe, sondern auch den Kriminalroman, die schöne Literatur. „Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des bürgerlichen Lebens.“ (MEW 43; 302) Was wäre der Fernsehabend ohne den Krimi?

Wenn wir aber die Frage stellen, welche Arbeit unmittelbar das Kapitalverhältnis produziert, so verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit. Als produktiv kann nur jene Arbeit bezeichnet werden, die unmittelbar dazu dient, Kapital und das damit verbundene gesellschaftliche Verhältnis zu produzieren. In einem eigentümlich kontroversen Zusammenspiel zwischen der staatsmarxistischen Interpretation des Marxschen Denkens und Kritik, vor allem aus der Perspektive des Feminismus, wurde die Marxsche Definition der produktiven Arbeit als unzureichend und verkürzt kritisiert. So, als ob es sich bei der Charakterisierung einer Tätigkeit als produktiv um einen Ehrentitel handelte, der vor allem den Hausarbeit verrichtenden Frauen, aber auch der Subsistenzwirtschaft vorenthalten würde. So, als ob produktive Arbeit zu leisten moralisch positiv zu bewerten sei. Getragen vom Wortklang „produktiv“ wurde diese Arbeit gegen jeden Wortsinn bei Marx als positive Eigenschaft von bestimmten Arbeiten ausgewiesen. Der produktive Arbeiter schafft eben die Werte, die dann ungerechtfertigt vom Kapital angeeignet werden, so oder ähnlich läuft das Argument. Die produktiven Schichten, die „Kernschichten der Arbeiterklasse“ hätten daher auch ein bevorzugtes Recht zu fordern, im Gegensatz etwa zu unproduktiven Schichten, wie StudentInnen, Arbeitslosen usw. Dass sich diese Sichtweise aufs trefflichste mit der vom Staatsmarxismus transportierten Arbeitsmoral vermählte, braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden.

Bei Marx hingegen lesen wir: „Arbeit desselben Inhalts kann daher productiv oder unproductiv sein.“ (MEGA II 4.1; 113) Produktivität, nun begriffen als Eigenschaft, die sozialen Verhältnisse zu reproduzieren und zu stabilisieren, kann nicht aus den spezifischen Charakteren der Arbeit, ihren Verfahren, Methoden, den verwendeten Mitteln oder der Dauerhaftigkeit des Produkts abgeleitet werden. Ob Arbeit primär auf unmittelbarer Bearbeitung des Naturstoffs oder auf bloßer Manipulation von Symbolen beruht, spielt für diese Frage keine Rolle. Es ist unglaublich, wie sehr die ironische, ja süffisante Definition von produktiv und unproduktiv bei Marx übersehen werden konnte. „Milton, who did the paradise lost, war ein unproductiver Arbeiter. (…) Aber der Leipziger Literaturproletarier, der auf Commando seines Buchhändlers Bücher, z.B. Compendien über Politische Oekonomie produciert, ist annähernd ein productiver Arbeiter, soweit seine Production unter das Capital subsumirt ist und nur zu dessen Verwerthung stattfindet.“ (MEGA II 4.1; 113) Das Verfassen von literarischen Werken von Bedeutung kann unproduktiv, während das Abschreiben theoretischer Plattitüden produktiv sein kann. Marx schließt also nicht aus dem bestimmten Charakter von Arbeitsprozessen auf deren Produktivität, sondern aus ihrer gesellschaftlichen Positionierung. „Produktiv“ ist folglich kein positives Merkmal, sondern zeigt nur an, dass diese Tätigkeit, als Lohnarbeit verrichtet, „auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der anderen den Lohnarbeiter“ (MEW 23; 604) zum Resultat hat.

Arbeit vs. Erwerbsarbeit

Völlig unberechtigt war und ist aber die soeben angesprochene Kritik nicht. Es gibt tatsächlich eine Tendenz bei Marx, und noch mehr innerhalb des Marxismus, Ausmaß und Bedeutung jener Arbeit zu unterschätzen, die jenseits des Marktes geleistet wird. Quantitativ übersteigt die Nichterwerbsarbeit die Erwerbsarbeit deutlich, exemplarisch sei aus einer Studie eines europäischen Forschungsnetzwerks zitiert: „Die große Bedeutung der Nicht-Erwerbsarbeit erkennt man an folgenden Zahlen: Betrachtet man das Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, so zeigt sich im Jahr 2001 für Deutschland, dass 56 Milliarden Stunden Erwerbsarbeit 96 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit – das 1,7 fache – gegenüberstanden (Statistisches Bundesamt 2003). Die 96 Milliarden unbezahlten Arbeitsstunden verteilen sich unterschiedlich auf Männer und Frauen: So kommen Männer auf durchschnittlich 22,5 bezahlte Stunden pro Woche, Frauen hingegen nur auf 12 bezahlte Stunden. Männer leisten umgekehrt 19,5 unbezahlte Stunden, während Frauen 30 unbezahlte Stunden pro Woche arbeiten.“ [ 2] Es ist zu vermuten, dass sich in außer­europäischen Ländern das Verhältnis noch krasser darstellt. Entscheidend ist, dass diese unbezahlten Arbeitsstunden geleistet werden müssen. Ohne diese Tätigkeiten würde die Gesellschaft wohl in kurzer Zeit zusammenbrechen und in substanziellem Sinne verarmen, nicht nur materiell, sondern ebenso geistig und kulturell. Ohne diese Tätigkeiten könnte der Kapitalismus gar nicht existieren. Anders gesagt: Durch das Kapitalverhältnis allein wäre die Gesellschaft gar nicht zu reproduzieren. Die Lohn- und Erwerbsarbeit setzt die Nichterwerbsarbeit als ihre Bedingungen voraus. Sicher gilt auch das Umgekehrte, die Nichterwerbsarbeit beruht ihrerseits auf den Resultaten der Erwerbsarbeit. Aber dieses Verhältnis ist nicht in der Balance. Es dominiert die imaginäre Vorstellung, dass allein der geldvermittelte Sektor alle „Werte“, wie diffus auch immer verstanden, schafft.

Transferleistungen, Subventionen, Unterstützungszahlungen usw. werden als einseitige Alimentierung eines bloß konsumierenden, an sich unproduktiven Sektors verstanden. Dieses Argument finden wir z.B. auch in linken, gewerkschaftlichen Kreisen, wenn es darum geht, die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen zu kritisieren. Anderseits sind es die ökonomischen Mechanismen im offiziellen Wirtschaftssektor, die über finanzielle Verfügungsmacht, Reichtum, Einkommen und damit verbunden gesellschaftliches Prestige sowie Kompetenzen entscheiden. Auch der nichtmonetäre Sektor ist von Ungleichheit und Ausbeutung gekennzeichnet, es sind in erster Linie Frauen, die die unbezahlte Arbeit verrichten, die zumeist den Männern zugute kommt. Nichterwerbsarbeit ist also oftmals alles andere als ein Hort der Freiheit und Selbstbestimmung. Aber die unentgeltlich verausgabte Arbeitszeit im informellen Sektor kann nicht von anderen akkumuliert werden, da sie keine von ihr unter­schied­liche, dingliche Geldform annimmt. Genau das ist im kapitalistischen Sektor der Fall, die unbezahlte Mehrarbeit akkumuliert sich als sachlich, dingliche Macht in Form von Geld und Besitz in den Händen weniger.

Über die Definitionsmacht

Die Entscheidung, was denn nun eigentlich als Arbeit zu werten sei und was nicht, welche Arbeit sinnvoll und welche es weniger ist, ist nicht bloß eine Frage von Auffassungen und Meinungen. Nicht selten wird in Diskussionen die Forderung erhoben, Arbeit doch anders zu definieren. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, solange klar gesagt wird, dass die Definition von Arbeit unmissverständlich in einer Reihe von Gesetzen juristisch festgehalten ist. Relevant wird diese Realdefinition vor allem in jenen Bestimmungen, mit denen die Sozialtransfers geregelt werden. Nach Ende der außergewöhnlichen Boomphase des Kapitalismus nach 1945 ist eine bedeutende Sockelarbeitslosigkeit Realität in Europa. Über die zukünftige Entwicklung dieses Phänomens soll hier nicht spekuliert werden. Sicher ist, dass der in manchen Ländern zu verzeichnende Rückgang primär durch die Ausweitung der sogenannten prekären Arbeitsformen bewirkt wird. Sozialtransfers und Unterstützungs­leistungen werden jedenfalls nicht geringer werden können, was sich auch an den Kalkülen der sogenannten Sozialpolitik zeigt: Ob es sich um das französische RMI (Revenue Minimum d’Insertion), das Arbeitslosengeld II, also die Hartz-IV-Maßnahmen, oder die Politik des AMS handelt, es geht immer darum, auf die gesamte Lebenszeit des Individuums zuzugreifen. Die sozialstaatlichen Bürokratien dehnen die Definitionsmacht der gesell­schaftlich sinnvollen Arbeit über die Erwerbsarbeit auf private Lebenszeit aus. Die Klientel staatlicher Sozialsysteme kann keineswegs frei über ihre Zeit entscheiden, Bildungs­aktivitäten oder ehrenamtliche Tätigkeit werden bürokratisch-administrativ vorgeschrieben, Selbstbestimmung der Tätigkeiten ist unzulässig. Die Entwicklung des Sozialsystems war immer mit der Ausübung der Definitionsmacht verbunden, was denn Arbeit nun eigentlich sei. Arbeit wie Arbeitsmoral wurden stets strikt an die Lohnarbeit gebunden. Arbeitslosigkeit meinte Erwerbsarbeitslosigkeit, die Arbeitsmoral wurde selbstverständlich mit Erwerbs­arbeits­moral identifiziert. Die Nichtanerkennung der Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit wird so praktisch vollzogen. Dazu ein kleines, aber symptomatisches Detail. In der soeben beschlossenen Novelle zum Arbeitslosenversicherungsgesetz wird Arbeitswilligkeit folgender­maßen definiert: „Arbeitswillig ist, wer bereit ist, eine … vermittelte zumutbare Beschäftigung anzunehmen, sich zum Zwecke beruflicher Ausbildung nach- oder umschulen zu lassen, an einer Maßnahme zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt teilzunehmen, von einer sonst sich bietenden Arbeitsmöglichkeit Gebrauch zu machen und von sich aus alle gebotenen Anstrengungen zur Erlangung einer Beschäftigung zu unternehmen, soweit dies entsprechend den persönlichen Fähigkeiten zumutbar ist.“ [ 3] Schon in der Erstfassung des ALVG aus 1947 wurde die Definition der Arbeitswilligkeit über die Akzeptanz eines tatsächlichen Arbeitsplatzes auf die Akzeptanz von Schulungen und „sonst bietender Gelegenheit“ ausgedehnt. Das heißt aber auch umgekehrt: Die Arbeitswilligkeit kann nicht durch selbst bestimmte und selbst gewählte Tätigkeit bewiesen werden, wie intensiv, anstrengend und nützlich sie auch sein mag.

Ausblick

Wie Arbeit gesellschaftlich organisieren? Zwei Aspekte halte ich im Kontext dieser Frage für wesentlich: Die unbezahlte, aber in jeder Hinsicht notwendige Arbeit muss gesellschaftlich anerkannt werden. Dass kann nicht dadurch geschehen, dass Erwerbsarbeit für alle gefor­dert wird. Denn diese Arbeit ist notwendig, sie kann (teilweise) und soll auch nicht als Erwerbsarbeit organisiert werden. Zweitens muss der gesellschaftlich verordnete Zwang zur Erwerbs­arbeit fallen, gerade in einer Phase, in der weder quantitativ, noch – was entschei­dender ist – qualitativ für alle jene Erwerbsarbeit vorhanden ist, die den Bedürfnissen, Fähig­keiten, Interessen und Wünschen der Menschen entspricht. Daher plädiere ich für das bedingungslose, garantierte Grundeinkommen für alle.


Karl Reitter ist ist langjähriger Lektor an der Universität Wien und unterrichtet dort Sozialphilosophie mit dem Schwerpunkt auf das Marxsche Werk. Zudem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift grundrisse.


Sigeln:
MEW = Marx Engels Werke, Berlin 1964ff
MEGA = Mars Engels Gesamtausgabe, Berlin 1988


Zitierte Literatur:
Marx, Karl (MEW 43), „Ökonomische Manuskripte 1861 – 1863, Teil 1“
- (MEW 23), „Das Kapital, Band 1“
- (MEGA II 4.1) „Ökonomische Manuskripte 1863 – 1867, Teil 1“


Anmerkungen:
[ 1] Vergl. dazu den Artikel von Vittorio Rieser, Der Kampf von Melfi. Es war einmal eine grüne Wiese – der Niedergang der integrierten Fabrik
[ 2] Quelle: seri.at
[ 3] ALVG Regierungsvorlage:


Dieser Text entstand auf Einladung des Symposium-Teams im Vorfeld des Symposiums im März 2008 und war allen Vortragenden und Diskutierenden vorab zugänglich.

Zuletzt verändert: 31.12.2008 12:27