Künstler_innen, Kulturarbeiter_innen und andere zeigen, wieso es mit dem Aus von Zuverdienst zu radikalen Einschränkungen in der sozialen Absicherung für atypisch Arbeitende kommt
(Herbst 2025) Social Media Kampagne des Kulturrat Österreich
- Kulturrat Österreich auf Instagram
- TOOLBOX: Wie kann ich selbst aktiv werden
- Offener Brief „Zuverdienst beim AMS muss möglich sein!“ DE | EN
- Weitere Beiträge/Medienartikel/Ressorcen zum Thema

25.11.2025 (Foto: Ulli Stecher)
„Bei Förderungen für Fair Pay von Künstler:innen und bei Arbeitslosigkeit Zwang zu Gratisleistungen oder Verlust des Arbeitslosengeldes – Wer soll eine solche Kulturpolitik verstehen?“
Gerhard Ruiss (Autor, Musiker)

21.11.2025 (Foto: Siegrid Cain Photography)
„Der Zeit ihre Kunst. Den Künstler:innen ihr Zuverdienstmöglichkeit. Als Darstellerin kenne ich auch arbeitslose Zeiten, in denen mich geringfügiger Zuverdienst über finanzielle Notlage gerettet hat!
Ich arbeite seit Jahren in prekären Kulturberufen und engagiere mich deshalb konsequent für faire Bezahlung von Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen. Kunst und Kultur bedeuten viel – und oft unsichtbare – Arbeit: Arbeit, die nachhaltig wirkt, Menschen verbindet und sich nicht immer in wirtschaftlichen Zahlen ausdrücken lässt, wie besonders im freien Kulturbereich sichtbar wird. Künstler:in zu sein darf kein Privileg sein, das nur mit finanzieller Absicherung möglich ist. Den Zuverdienst zur Arbeitslosigkeit zu streichen würde viele wieder tiefer ins Prekariat drängen.“
Susanne Lipinski (Kulturarbeiterin, künstlerische Leitung)

19.11.2025 (Foto: Markus Fösl)
„Kulturvermittler:innen arbeiten häufig in mehreren Jobs parallel. Das Verbot des geringfügigen Zuverdiensts am AMS gefährdet ihre Existenzen und wird das kulturelle Angebot in Österreich nachhaltig schädigen.
Mehr als die Hälfte der Kulturvermittler:innen in Österreich arbeitet in Teilzeit. Über 40% sind zudem in mehreren Jobs parallel tätig – auch projektbasiert, geringfügig oder in fallweiser Beschäftigung.
Wer im Hauptjob arbeitslos wird, muss zukünftig auch alle geringfügigen Beschäftigungen beenden, um Arbeitslosengeld beziehen zu können.
Kulturvermittler:innen verlieren dadurch Arbeitsverhältnisse, in denen sie oft jahrelang tätig waren. Aber auch in Kulturinstitutionen werden diese erfahrenen Mitarbeiter:innen fehlen. Die neue Regelung schadet Kulturvermittler:innen, Museen und Ausstellungshäusern und in Folge auch ihren Besucher:innen.
Arbeitslosigkeit kann alle treffen – besonders bei Einsparungen im Kultursektor.“
Markus Fösl (Kulturvermittler)

17.11.2025 (Foto: Elisa Seydel)
„Arbeitssuchende bekommen durch geringfügige Beschäftigung die Möglichkeit zu Arbeit und Wiedereinstieg in ihren Beruf, das sollte nicht verhindert werden.
Selbstständig und arbeitslos? Ein System mit vielen Hürden
Wer arbeitslos wird, steht oft vor komplizierten Regeln – besonders, wenn er oder sie auch selbstständig tätig ist. Derzeit dürfen Personen, die ihren Job verlieren, im gesamten Jahr nur 6.613,20 Euro selbstständig dazuverdienen, um weiterhin als arbeitslos zu gelten. Diese Grenze gilt unabhängig davon, ob das Einkommen vor, während oder nach dem AMS-Bezug erzielt wird.
Für Menschen, die bei der SVS versichert sind, ist es besonders schwierig: Sie dürfen gar nichts selbstständig dazuverdienen, ohne ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld zu verlieren. Statt dieses Problem zu lösen, soll der selbstständige Zuverdienst nun ganz gestrichen werden – das wäre ein Rückschritt.
Dabei gäbe es schon gute Vorschläge, wie man das fairer regeln könnte. Zum Beispiel könnte man – ähnlich wie beim Kinderbetreuungsgeld – genau trennen, welche selbstständigen Einkommen vor, während oder nach dem Arbeitslosengeld-Bezug zählen.
Auch eine wichtige Änderung wäre, dass Menschen trotz Pflichtversicherung bei der Pensionsversicherung weiterhin als arbeitslos gelten können. Heute verlieren sie durch diese Regel oft ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld, obwohl sie eigentlich kaum oder wenig verdienen.
Was es braucht
Menschen, die sich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld erarbeitet haben, sollen diesen auch uneingeschränkt einlösen können, wenn sie ihre Arbeit verlieren.
Die Arbeitslosenversicherung muss eine verlässliche soziale Absicherung bieten –
in angemessener Höhe, die sich am vorherigen Einkommen orientiert,
und existenzsichernd, also niemals unter der Armutsgrenze.
Nur so kann Arbeitslosigkeit fair und menschenwürdig abgesichert werden.“
Gerti Drassl (Schauspielerin)

14.11.2025 (Foto: Hilde van Mas)
„Wer den Zuverdienst zu Arbeitslosengeldbezügen streicht, verkennt, dass wir darstellende Künstler:innen projektbezogen und diskontinuierlich arbeiten. Damit bringt man sicher nicht mehr Künstler:innen in vollversicherte Beschäftigungen. Es gibt nicht ausreichend Vollzeitanstellungen in der (freien) Kunst- und Kulturszene, in die wir aufsteigen könnten. So halten wir uns mit Beschäftigungsverhältnissen aller Art über Wasser – und unsere Karrieren und das künstlerische Leben am laufen.
(Resultat der Streichung des Zuverdiensts wären armutsgefährdete Künstler:innen, die vom mageren Arbeitslosengeld leben und den Anschluss an die Szene verlieren, weil sie keine geringfügigen Jobs mehr annehmen dürfen.)“
Veronika Glatzner (künstlerische Leitung, Regie, Schauspiel)

12.11.2025 (Foto: Wien Museum/Ina Aydogan)
„Austrian unemployment insurance system has allways ignored precarious workers, even more those without a passport.
Mixed Employment and social Benefits for Everyone!
The discourse often fails to consider the ever-specific status of so-called third-country nationals, who are not eligible for unemployment benefits. People on artist visas can only be self-employed, which puts us at a significant disadvantage. What is under threat here is the PRIVILEGE of mixed employment, which makes me ambivalent about embracing the demands fully in their current form. Non-citizens and
Austrian/EU/EEA/Swiss citizens should share the common goal of accessing unemployment benefits while retaining a supplementary income, and the issue approached either in an egalitarian manner or not at all.“
Jelena Micić (Artist and IG Flex Representative)

10.11.2025 (Foto: Wolfgang Kreutzer)
„Ich denke da vor allem an den Wechsel von Angestellt zu Selbstständig.
Es hat doch niemand von 0 auf 100 so viele Aufträge, dass er oder sie davon leben kann.“
Ruth Altenhofer (Literaturübersetzerin)

8.11.2025 (Foto: Domenic Driessen)
„Damit das nächste große Projekt am Horizont ist, muss ich mich aktiv im Feld bewegen und stets Präsenz zeigen. Geringfügige Tätigkeiten sind bei Arbeitslosigkeit umso notwendiger!
Wir als Künstler:innen verdienen unseren Lebensunterhalt (meistens) nicht ausschließlich mit unserer Kunst. Oft arbeiten wir als Lehrende, Vermittler:innen, Produktionsassistent:innen oder Art-Handler. Oft sind unsere (Neben)Beschäftigungen auch gar nicht künstlerisch oder kunstnah: wir arbeiten auch im Service oder in der Pflege zum Beispiel.
Wenn wir im Kunst- und Kulturbereich tätig sind, ist das oft projektbezogen bzw. befristet (die Produktion einer Ausstellung, ein Werk, ein Festival), d.h. sie ist temporär und oft unterbezahlt. Daher ist – sofern wir überhaupt Anspruch auf Arbeitslosengeld haben – die Grundlage für die Berechnung des Arbeitslosengeldes schon gering. Geringfügige Beschäftigungen sind dann umso notwendiger bis das nächste Projekt oder eine wieder befristete Anstellung anfängt oder wir endlich die eine Förderzusage oder Arbeitsstipendium bekommen. Letztendlich, bis das nächste große (hoffentlich kunstnahe) Projekt-Anstellung anfängt, arbeiten wir an unserer Kunst weiter und investieren auch Teil unseres Lebensunterhalt darin.
Für uns, Kunst- und Kulturarbeiter:innen, ist aber (neben dem Verdienen von Geld) eine visuelle Präsenz im Feld wichtig. Das heißt, damit das nächste große Projekt überhaupt am Horizont ist, muss ich mich stets aktiv im Feld bewegen und Präsenz zeigen. Dies ist über geringfügige Anstellungen und Aufträge möglich. Gepaart mit dem geringen Arbeitslosengeld bietet uns das eine Überbrückungshilfe und stellt zugleich notwendige Arbeitskraft für den Kunst- und Kulturbereich bereit.“
Guilherme Maggessi (artist, designer, researcher)
6.11.2025 (Foto: Apollonia Bitzan)

„Das Streichen der Zuverdienstmöglichkeit beim AMS macht mich wahnsinnig wütend. Es ist ein weiterer Schritt hin zu Prekarisierung von arbeitslosen Menschen in einer Zeit in der das Leben für den Großteil immer teurer wird.
Überall wird gekürzt, was auch im Kulturbereich zu einem Wegfallen von Arbeitsplätzen und Förderungen führt – gleichzeitig sollen wir perfiderweise in die 40h Arbeit gedrängt werden.
Die Scham, sich beim AMS zu melden ist bei den meisten (Kolleg*innen) in meinem Umfeld groß – dieser Entscheidung führt zu einer weiteren Stigmatisierung und dazu, dass noch mehr Menschen, den Beruf wechseln müssen oder in Armut Leben (als das ohnehin schon der Fall ist).
Kürzungen im Sozialbereich, der Pflege, Bildung, Kunst u Kultur (am Sozialstaat) ebnen den Weg für faschistisches gedankengut, für rechte Hetze und „einfache Lösungen“ in der Zukunft, weil sie die Not vergrößern.“
Julia Franz Richter (Schauspielerin)

4.11.2025 (Foto: Ela Angerer)
„Der Begriff „Soziale Absicherung“ kann sich seinen gerechten Namen nur verdienen, wenn er sich an gegebenen Arbeitsrealitäten orientiert.
Die allermeisten in der Filmbranche arbeiten projektbezogen.
Mal mit langen, intensiven Arbeitszeiten.
Dann wiederum mit möglichen längeren Stehzeiten.
Selbständig oder angestellt. Mitunter nur an einzelnen Tagen.
Auch durch die aktuelle Fördersituation ist Planungssicherheit selten gewährleistet.
Für viele von uns ist Zuverdienst die einzige Möglichkeit, nicht unter die Armutsgrenze zu rutschen. Sich wiederum zwischen Arbeitslosengeld und Zuverdienst entscheiden zu müssen, potenziert die Altersarmut.
Die angekündigten Kürzungen treffen die heimische Filmbranche mit ihren eigenen typischen Arbeitsstrukturen. Und sind vor allem eines, nicht sozial.
Dagegen muss man mit allen Mittel angehen.“
Markus Schleinzer (Filmschaffender)

