Kulturrat Österreich > Themen > Medienpolitik > Keine Streichung der Sendung kunst-stücke!

Keine Streichung der Sendung kunst-stücke!

  • von

(Offene Briefe vom Juli 2002)

an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Staatssekretär für Kunst und Medien Franz Morak vom 4.7.02:

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Staatssekretär für Kunst!

Der Stiftungsrat des ORF hat am 19.6. eine Programmjustierung ab Oktober 2002 und dabei die Einstellung der Sendung kunst-stücke beschlossen. Die Kulturpolitische Kommission protestiert auf das Schärfste gegen diese konzeptlose Streichung des einzigen fixen Sendeplatzes für Auseinandersetzung mit zeitgenössischer, innovativer Kunst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Absetzung der kunst-stücke hätte eine massive Gefährdung von Arbeitsfeldern für Kunstschaffende sowie den Verlust von Informations- und Konsumationsquellen für Kunstinteressierte zur Folge!

Wir appellieren daher an Sie als die in dieser Regierung Verantwortlichen für die „Schaffung von stimulierenden Rahmenbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler“, zu der Sie sich im Regierungsprogramm vom 3.2.2000 bekennen, sich jetzt im konkreten Anlassfall auch für die Interessen der von Ihnen vertretenen Künstlerinnen und Künstler einzusetzen! Abgesehen vom notwendigen Erhalt der vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten (Stichwort Filmschwerpunkt!) steht auch die Erfüllung einer weitaus längerfristigen Aufgabe – nämlich Vermittlungsarbeit zu leisten sowie Bewusstsein und Aufmerksamkeit für Neues in Kunst und Kultur zu schaffen – auf dem Spiel. Kontinuität und nicht ein beliebig reduzierbares Angebot ist dabei von Nöten.

„Kulturpolitik sollte die denkbar günstigsten Rahmenbedingungen für den kreativen Prozess schaffen und unseren Kulturschaffenden helfen, breitere Aufmerksamkeit und Resonanz zu erreichen. Gerade die nicht etablierte junge und neue Kunst verdient diese Unterstützung.“ So beschreiben Sie, Herr Staatssekretär, Ihr Aufgabenprofil. Wir ersuchen daher dringend um Stellungnahme, wie dieses Engagement im Fall der kunst-stücke zum Einsatz kommen wird.

Wir appellieren außerdem an Ihre Verantwortung gegenüber der (kunst)interessierten Bevölkerung: Die vom ORF geplante Zersplitterung der Sendungsinhalte der kunst-stücke auf mehrere Sendeplätze mit unvorhersehbaren und wechselhaften Sendezeiten sind zweifellos kein adäquater Weg, dem Publikum die verschiedenen Sendebeiträge zugänglicher zu machen. Die offensichtlich programmbestimmende Kritik an den geringen Einschaltquoten (die mit der gleichzeitigen Betonung, derartige Sendungen seien immer ein Minderheitenprogramm, ohnehin schon ad absurdum geführt ist) wird auf diese Weise gezielt aufrecht erhalten und als Damoklesschwert über anspruchsvolle Sendebeiträge gehängt, die in Zukunft noch dazu ohne irgendein Rahmenprogramm auftauchen sollen.

Mit freundlichen Grüßen,

Kulturpolitische Kommission


an ORF-Stiftungsrat Wilfried Seipel vom 8.7.02:

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Am 19.6.2002 hat der Stiftungsrat des ORF eine Programmjustierung ab Oktober 2002 und dabei die Einstellung der Sendung kunst-stuecke beschlossen. Die Kulturpolitische Kommission protestiert auf das Schärfste gegen diese konzeptlose Streichung des einzigen fixen Sendeplatzes für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer, innovativer Kunst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Absetzung der kunst-stuecke hätte eine massive Gefährdung von Arbeitsfeldern für Kunstschaffende sowie den Verlust von Informations- und Konsumationsquellen für Kunstinteressierte zur Folge!

Da Sie innerhalb des ORF-Stiftungsrats die Belange der Kunst vertreten, richten wir die Frage an Sie, mit welchem argumentativen Einsatz Sie sich gegen die weitere Zurückstutzung dieses Bereichs gewehrt haben, speziell angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet Sie den Antrag des Programmausschusses eingebracht haben, mit dem die Sendung letztlich abgeschafft wurde. Wir Kunstschaffenden (und Sie als unser Vertreter) dürfen uns doch nicht damit abfinden, dass eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, die schließlich für ihren Kultur und Bildungsauftrag Gebühren einhebt, sperrige Formate zugunsten kommerzieller Erwägungen einfach kippt. Ebensogut könnte man doch den Wiener Museen verordnen, nur noch Monet-Sonderschauen abzuhalten (und vielleicht endlich einen eigenen Norman-Rockwell-Saal zu öffnen). Und in der Oper singen dann nur mehr die drei Tenöre „Nessun dorma“.

Abgesehen vom notwendigen Erhalt der vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten (vor allem für den Film, aber auch die bildende Kunst, Literatur, Architektur, Musik usw.) steht hier auch die Erfüllung einer weitaus längerfristigen Aufgabe – nämlich Vermittlungsarbeit zu leisten, sowie Bewusstsein und Aufmerksamkeit für Neues in Kunst und Kultur zu schaffen – auf dem Spiel. Dabei ist Kontinuität von Nöten, nicht ein beliebig reduzierbares Angebot.

Es geht hier auch um Ihre Verantwortung gegenüber der (kunst)interessierten Bevölkerung: die vom ORF nun offenbar geplante Zersplitterung der Sendungsinhalte der kunst-stuecke auf drei verschiedene Sendeplätze mit unvorhersehbaren und wechselhaften Sendezeiten (euphemistisch: „inhaltliche Weiterführung“) sind gewiss kein adäquater Weg, dem Publikum diese Inhalte irgendwie zugänglicher zu machen. Der offensichtlich programmbestimmende Vorwurf der geringen Einschaltquoten (der mit der gleichzeitigen Betonung, derartige Sendungen seien immer ein Minderheitenprogramm, ohnehin schon ad absurdum geführt ist) wird auf diese Weise ja perpetuiert und sogar verschärft und als Damoklesschwert über anspruchsvolle Sendebeiträge gehängt, die in Zukunft noch dazu ohne irgendein Rahmenprogramm auftauchen sollen.

„Ich kann aber ein gewisses Misstrauen nicht verhehlen, dass es hie und da zu Auslagerungen von kulturellen Sendungen aus den Hauptprogrammen des ORF kommen könnte. Das wäre sehr schade, denn der ORF hat mit seinen Kulturleisten im Fernsehen eine europaweite Vorbildfunktion.“ Das sagten Sie, Herr Hofrat, (bei der Enquete „ORF-Kulturkanal“) im Mai 2000 und beschrieben damit wohl in weiser Voraussicht auch ein wenig Ihr Aufgabenprofil im konkreten Anlassfall. Wir erbitten daher dringend Ihre Stellungnahme, wie dieses Engagement im Fall der kunst-stuecke zum Einsatz kommen wird – eigentlich hätten wir uns Ihr prononciertes Minderheitenvotum erwartet.

In diesem Sinne (da sich im Stiftungsrat offenbar niemand sonst für Kunststücke im weitesten Sinne zuständig fühlt): Bitte sorgen Sie dafür, dass die kunst-stuecke erhalten bleiben! Sorgen Sie dafür, dass dieses Format im Gegenteil endlich eine fixen Programmplatz zu einer besseren Sendezeit bekommt! Und sorgen Sie dafür, dass der Kulturauftrag des ORF auch erfüllt wird – dazu gehört eine angemessene Befassung mit sämtlichen Kunstsparten und die Reflexion aller österreichischen Kunstszenen.

Mit freundlichen Grüßen

Kulturpolitische Kommission


an die Stiftungsräte des ORF vom 15.7.02:

Sehr geehrtes Mitglied des ORF-Stiftungsrates!

Der Stiftungsrat des ORF hat am 19. Juni 2002 im Rahmen einer Programmjustierung ab Oktober 2002 die Einstellung der Sendung kunst-stücke beschlossen.

Gegen eine solche Vorgangsweise stehen gewichtige sachliche Argumente. 15.000 Unterschriften wurden inzwischen für die Beibehaltung der Sendung gesammelt und der ORF-Generaldirektorin überreicht. Die Gründe, die gegen eine Abschaffung der kunst-stücke sprechen, sind Ihnen sicherlich bekannt. Sie sind unter http://www.amourfou.at/subs/set_peti.htm nachzulesen und diesem Schreiben angefügt.

Die Kulturpolitische Kommission, die sich als Plattform der unabhängigen Interessenvertretungen im Kunst- und Kulturbereich für eine Verbesserung der strukturellen Bedingungen für Kulturarbeit einsetzt, stellt sich die Frage, von welchen Überlegungen der Stiftungsrat bei seinem Entschluss geleitet wurde.

Da der Stiftungsrat per se gem. § 19 (4) ORF-Gesetz „zur Verschwiegenheit über alle ihnen im Rahmen ihrer Tätigkeit bekannt werdenden Umstände der Stiftung und der mit ihr verbundenen Unternehmen verpflichtet“ ist, möchten wir Sie zu einer persönlichen Stellungnahme in dieser Angelegenheit auffordern.

Sind Sie der Meinung, dass Sendungen aus kurzsichtigen wirtschaftlichen Gründen nur nach dem Quotenprinzip programmiert werden sollten? Oder ist nicht vielmehr der ORF aufgrund seines Programmauftrages auch für die Interessen von sogenannten „Minderheiten“ verantwortlich? Wie aber kann bei einer Gleichschaltung nach Quoten eine „Ausgewogenheit der Programme“ gewährt werden?

Der angebotene Ausgleich, die Sendungsinhalte der kunst-stücke auf mehrere Sendeplätze mit wechselnden Sendezeiten aufzusplittern, kann nur als Taktik angesehen werden, einen weiteren „Quotenfall“ vorzubereiten und die endgültige Marginalisierung zu inszenieren.

Mit freundlichen Grüßen

Kulturpolitische Kommission