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Migrantinnen in der Kulturarbeit

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(Zeitung 2006) Von „Betroffenen“ und „Beteiligten“: Strategien der Partizipation und Selbstermächtigung. Radostina Patulova/Vina Yun

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Zentral im Selbstverständnis politischer Kulturarbeit ist das Engagement für eine gleichberechtigte und soziokulturell diversifizierte Gesellschaft und die Herstellung partizipativer Öffentlichkeiten, in denen diskriminierte und marginalisierte Gruppen und Personen präsent sind. Dies umfasst auch das klare Bekenntnis gegen Rassismus und Diskriminierung – und damit das sicht- und hörbare Auftreten gegen aktuelle Migrations- und „Integrations“-Politiken sowie den herrschenden rassistischen Konsens innerhalb dieser Gesellschaft. Antirassismus stellt also einen integralen Bestandteil emanzipatorischer Kulturarbeit dar, die die Einflussnahme auf gesellschaftliche Entscheidungsprozesse bzw. die Mitgestaltung derselben als eines ihrer Hauptanliegen definiert.

Allerdings geht es hierbei nicht um einen mit moralischen Argumenten agierenden, sondern um einen politischen Antirassismus, der sich für die Herstellung gleicher Bedingungen für ausgegrenzte Gruppen einsetzt. Dazu gehört unter anderem auch, dass die von Rassismus „Betroffenen“, sprich MigrantInnen, aus ihrer (zugeschriebenen) Opferrolle heraustreten und die wiederholt kritisierte StellvertreterInnen-Politik durch jene Mehrheitsangehörigen überwunden wird. Die Mehrheitsangehörigen müssen ihre eigenen, teils unbewussten Verstrickungen in rassistische Strukturen und die daraus resultierenden Privilegien reflektieren.

MigrantInnen, die in der politischen Kulturarbeit aktiv sind, sind ProtagonistInnen, denn das, was an kultureller Praxis von MigrantInnen von der österreichischen Mehrheitsgesellschaft wahr- und angenommen wird, beschränkt sich in der Regel entweder auf farbenfrohe Folklore und Ethno-Food bzw. die Repräsention des Herkunftslandes und die individuelle Erfahrung der Migration selbst. „MigrantInnen“ sollen und dürfen sich nur zu „migrantischen“ Themen äußern – Hauptsache „authentisch“.

In der Frage, wodurch sich „Kultur“ definiert bzw. welche Formen der Artikulation überhaupt als „Kultur“ wahrgenommen und legitimiert werden, spiegeln sich zentrale gesellschaftliche Kämpfe und identitätsstiftende Prozesse wider. Nicht zufällig wurde nach dem 2. Weltkrieg die „Kulturnation Österreich“ geboren, schließlich konnte ein Volk, das soviel „Schöngeistiges“ zu produzieren in der Lage war, nicht die „Barbarei“ seiner nationalsozialistischen Vergangenheit mitgetragen haben. Im Spiegel der BarbarInnen (per Definition jemand, der/die sprachlos ist, der/die die kulturelle Leistung des Sprechens nicht erbringen kann), der roh, ungebildet, kulturlos und rückständig ist, kann sich der/die BetrachterIn als zivilisiertes, kultiviertes und fortschrittliches Subjekt erfahren.

Strategien gesellschaftlicher Teil-Nahme

„Kultur“ bedeutete lange Zeit bürgerliche „Hochkultur“, in Abgrenzung zur Massen-, Alltags- oder auch Regionalkultur. Gerade gegen diese konstruierten Grenzen richteten sich die Kämpfe der 1970er Jahre, die sich für die Erweiterung des Verständnisses von „Kultur“ – wie sie zumindest im deutschsprachigen Raum vorherrschte – einsetzten und mittels Begrifflichkeiten wie „Kulturarbeit“ und „Soziokultur“ die politischen und sozialen Dimensionen kultureller Praxis hervorhoben. „Politische Kulturarbeit“ stellte also den Anspruch, über das traditionell definierte kulturelle Feld hinauszugehen und sich inmitten der Gesellschaft zu verorten und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten.

In diesem Sinne kann migrantische Kulturarbeit bzw. Kulturarbeit von und mit MigrantInnen nicht nur als bloße Vermittlungsform der Anliegen und Forderungen von MigrantInnen, sondern zugleich als eine Strategie gesellschaftlicher Teil-Nahme und Subjektwerdung verstanden werden, wie sie sich in der Selbstorganisierung und Selbstvertretung der „Betroffenen“, in ihrem Selbstverständnis als Definierende/n statt Definiertem – also in der Einforderung einer gesellschaftlichen SprecherInnen-Position und den damit verbundenen adressierten Öffentlichkeiten – manifestiert.


Radostina Patulova ist Philosophin und arbeitet als kulturelle Meditatorin sowie im Bereich der Erwachsenenbildung.

Vina Yun ist freie Autorin und Teil des Redaktionskollektivs der Zeitung Malmoe.

Beide sind derzeit tätig im wip-Modul „fields of TRANSFER“ bei der IG Kultur Österreich.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Moduls fields of TRANSFER, das die IG Kultur Österreich im Rahmen der Equal-Entwicklungspartnerschaft WIP – work in process durchführt.