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Printmedien – revisited

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(Zeitung 2006) Freie Printmedien – revisited. Vina Yun

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Im Zuge der jüngsten Entwicklungen innerhalb der Freien Medienszene in Österreich waren es vor allem die elektronischen Medien, die im Fokus der öffentlichen Diskussionen standen – wie etwa ORANGE 94.0, das Freie Radio in Wien, das nach jahrelangen Verhandlungen mit der Stadt seit 2004 eine Basisförderung erhält, oder der partizipative, nicht-kommerzielle Fernsehsender Okto, der Ende letzten Jahres mit seiner Programmausstrahlung über das Wiener Telekabel startete. Während die hiesige Stadtpolitik verstärktes Interesse an den Community-Medien im Rundfunkbereich zeigt – auch wenn diese nicht in Geld schwimmen mögen, ist doch zumindest deren laufender Betrieb samt der benötigten Infrastruktur sichergestellt –, ist die Situation der Freien Printmedien in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gerückt.

Wir erinnern uns: Das Jahr 2000 brachte einen beachtlichen Schub an Neugründungen unter den Freien Medien. Rund um die schwarzblaue „Wende“ entstanden, neben einer Reihe diverser Initiativen und Foren im Netz, neue kritische Printmedien wie beispielsweise die Monatszeitung MALMOE, die mit dem Slogan „Gute Seiten, Schlechte Zeiten“ antrat, das feministische Pop-Magazin nylon (heute: fiber), die Stadtforschungszeitschrift dérive oder Die Bunte Zeitung, die zu migrationspolitischen Fragen Stellung nimmt. In diesen medialen Räumen und Netzwerken konnte sich der Protest gegen Schwarzblau artikulieren und weiterentwickeln – in diesem Sinne waren die neu gegründeten Medien (neben den bereits bestehenden) mehr Sprachrohr und Plattform für jene Stimmen, für die es im Mainstream keinen Platz gab, denn „Produkte“.

Trotzdem war es in den meisten Fällen nicht der Regierungswechsel, der zur eigentlichen Gründung des Mediums motivierte. Vielerorts herrschte das Bedürfnis, über Dinge zu schreiben und zu diskutieren, die schon „in der Luft“ lagen – und mit der Konstituierung der ÖVP/FPÖ-Regierung neue Dringlichkeit erfuhren. Entsprechend ging die Kritik auch über den „Widerstand“ gegen Schwarzblau hinaus, indem sie politische Kontinuitäten aufzeigte und den herrschenden Konsens angriff – was insbesonders seitens migrantischer wie feministischer Initiativen und Medien formuliert wurde, die eben nicht besagte „Wende“ als Initialzündung für ihre Aktivitäten definierten.

Gute Seiten, Schlechte Zeiten

Einige der um 2000 entstandenen Printmedien sind nach kurzer Zeit wieder verschwunden, andere bestehen – teils in veränderter Form – bis zum heutigen Tag (wie etwa alle zuvor genannten Zeitungen und Zeitschriften) und halten sich trotz widriger Rahmenbedingungen beständig. Auch wenn die finanzielle Aushungerung der Freien Medien unter Schwarzblau nicht in dem Ausmaß eingetreten ist, wie generell befürchtet wurde, und die politischen Repressalien (vermehrte Interventionen und Klagedrohungen aufgrund der Berichterstattung) kritische Medien nicht mundtot machen konnten – der Aufwand, die Strukturen des jeweiligen Mediums aufrechtzuerhalten, ist merkbar größer geworden. Kürzungen und Streichungen von Förderungen, auf die Freie Medien wesentlich angewiesen sind, haben den Druck, zusätzliche finanzielle Mittel aufzustellen, weiter verstärkt. Das bedeutet unter anderem personelle und zeitliche Ressourcen in die Lukrierung von Projektgeldern umzuleiten – was auf Kosten der eigentlichen Medienarbeit geht. Je weniger Geld für Infrastruktur vorhanden ist, desto mehr Arbeit muss – zusätzlich zur „normalen“ redaktionellen Tätigkeit, die bei den Freien Printmedien ohnedies meist ehrenamtlich und neben einem Brotjob geleistet wird – in den eigentlichen Erhalt des Mediums gesteckt werden.

Auch was die Verbreitungsmöglichkeiten der gedruckten Medien betrifft, haben sich die Bedingungen wesentlich verschlechtert: Mit der Rücknahme bzw. Aufweichung des vergünstigten Posttarifs wurden vor allem kleinere Medien, die geringe Auflagen produzieren, mit Teuerungen um ein Vielfaches konfrontiert.

Es mag auch solchen Rahmenbedingungen geschuldet sein, dass die Vernetzungen unter den Freien Medien im Printbereich – siehe den Verband alternativer Zeitschriften (VAZ) oder den Verband der feministischen Medien – seit einiger Zeit darniederliegen.

„We do, you understand?“

Obwohl die prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen gerade Medien aus migrantischen Zusammenhängen in einem ganz besonderen Maße betreffen, hat sich in den letzten Jahren das Spektrum der Freien Medien durch neue „MigrantInnen-Medien“ deutlich erweitert, wie etwa mit dem Start von afrikanet.info (seit 2005), dem Internetportal über die “African Diaspora in deiner Nähe“ oder den Produktionen der „medialen NGO“ World Media Insights auf Okto (unter dem Sammellabel Discover TV läuft u.a. die mehrsprachige Nachrichtensendung Every-1 News) – ihr Motto: „’We do, you understand’ statt ‘nix verstehn’“. Im Printsektor ist vor allem unter den türkischsprachigen Medien ein regelrechter Boom zu beobachten – mittlerweile übertrifft deren Dichte sogar jene in Deutschland, wenngleich sie im hiesigen Kontext ein zum Teil weniger professionelles Erscheinungsbild haben und stärkeren Fluktuationen unterworfen sind. So zum Beispiel die monatlich und in deutscher und türkischer Sprache erscheinende Gratis-Zeitung Öneri, die bereits Ende der 1990er gegründet wurde, aber aufgrund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten eine Zwangspause einlegen musste. 2004 wurde Öneri in der heutigen Form neu gelauncht, die Zeitung liegt in mehreren Bundesländern auf. Wie so oft funktioniert der Vertrieb des Mediums nur über persönliches, unbezahltes Engagement.

Allein in Wien gibt es rund zehn türkischsprachige Zeitungen/Zeitschriften. Die Palette reicht vom Boulevard-Blatt bis zum Literatur-Magazin. Unter ihnen ist Öneri die einzige, ihrem eigenen politischen Selbstverständnis nach linke türkische Zeitung in der Bundeshauptstadt. Wie bei Öneri arbeiten auch bei der.wisch, der seit 2003 erscheinenden Zeitschrift des Kulturvereins Kanafani, MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen in der Redaktion. Im Sommer 2006 erfährt der.wisch übrigens einen Relaunch, eine Subvention seitens der Stadt Wien wurde angekündigt.

Generell sind solche „gemischten“ Medienprojekte in der Minderzahl. Die Kategorisierung als „MigrantInnen-Medium“ bewegt sich indes weiterhin in einem Spannungsverhältnis zwischen strategischer Identitätspolitik und auferlegtem Repräsentationszwang. Wiederholt sehen sich migrantische MedienarbeiterInnen mit der Erwartungshaltung konfrontiert, dass sie sich nur zu „migrantischen“ Themen und Fragestellungen äußern sollen – oder maximal vom aktuellen Geschehen aus ihren „Heimatländern“ berichten dürfen. Eine Erfahrung, wie sie AutorInnen und Programm-MacherInnen nicht nur in den bürgerlichen Medien machen – und ein Umstand, der für die Gründung eigener Medien durch MigrantInnen nicht unwesentlich ist, schließlich ist es hier tatsächlich möglich, sich uneingeschränkt zu allen gesellschaftlichen Bereichen zu artikulieren und Position zu beziehen.


Vina Yun ist freie Autorin und Teil des Redaktionskollektivs der Zeitung Malmoe


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