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Strategien der (Selbst-)Ermächtigung und Räume des Widerstands

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(Zeitung 2006) Anmerkungen zu kulturpolitischen Ansätzen für Europa. Therese Kaufmann

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Kaum ist ein leicht gesteigertes Interesse an kulturpolitischen Fragestellungen auf EU-Ebene festzustellen, scheint eine Verschiebung stattzufinden von den bisher vorherrschenden identitären oder leeren Formeln einer „europäischen Kultur“ hin zu einem neoliberalen Konzept von Kultur bzw. einer Kombination von beidem. In einer neoliberalen Logik sollen die „Kultur- oder Kreativindustrien“ als Motoren des für das europäische Selbstverständnis so prägenden Wirtschaftswachstums dienen. Die zentrale – kaum gestellte – Frage in diesem Kontext ist jene nach dem Verhältnis von Kultur und Demokratie bzw. konkreter, von Kulturpolitik und Demokratiepolitik in der EU. Welche Rolle kommt dem kulturellen Feld im Demokratisierungsprozess Europas zu? Wie können Strategien entwickelt werden gegen die aktuelle Tendenz, Kulturpolitiken ausschließlich zum Austragungsort neoliberaler Gouvernementalität zu machen, in dem so hippe Begriffe wie „interkulturelle Kompetenz“ nichts anderes als Business-Tools auf dem internationalen Markt oder zeitgenössische Kontroll- und Regulierungsmechanismen bezeichnen? Was kann unternommen werden gegen die Reduzierung des kulturellen Sektors auf ein Experimentierfeld für die „kreative Wettbewerbsfähigkeit“ postindustrieller Arbeitskräfte, in dem KünstlerInnen als Modelle für das flexible, selbstverantwortliche, unabhängige, projektorientierte und zukunftsweisende Subjekt der New Economy dienen sollen?

Kulturpolitik und Demokratiepolitik

Dem steht eine Auffassung von Kulturpolitik gegenüber, die davon ausgeht, dass gerade im kulturellen Feld eine Reihe von Voraussetzungen für politische Prozesse aktiver BürgerInnenschaft entstehen können: Teilhabe und Auseinandersetzung, Austausch und Verhandlung von Differenzen. Eine Kulturpolitik, die eine „kulturelle Demokratisierung“ in Europa anstrebt, würde nicht länger die Vorstellung der „kulturellen Vielfalt“ fetischisieren (und damit in der Gleichsetzung von „Kultur“ und „Nation“ die Logik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortführen), während gleichzeitig all jene ausgeschlossen werden, die keinem der europäischen „Völker“ angehören. Sie würde auch nicht vorwiegend auf Flagship-Projekte wie die „Europäischen Kulturhauptstädte“ setzen. Stattdessen ginge es um einen politischen Ansatz, der sich radikal einer der dringendsten Herausforderungen in Europa stellt, nämlich der dauerhaften Neuzusammensetzung seiner Gesellschaften. Dafür müssten neue und vorausschauende kulturpolitische Ansätze verknüpft werden mit zeitgenössischen theoretischen Ansätzen und der Erprobung neuer Formen der Kooperation, des Austauschs und der Allianzenbildung – im kulturellen Feld und darüber hinaus genauso wie innerhalb der EU und über ihre Grenzen hinaus. Dies könnte zur Entstehung einer Gemeinsamkeit beitragen, die sich nicht auf die Stabilität einer „Identität“ beruft, sondern zur Vervielfältigung von Diskursen und Praxen führt, die zur Basis einer pluralen Demokratie in Europa werden.

Neue Formen der Zusammenarbeit

Drei Aspekte könnten als zentrale Forderungen für europäische Kulturpolitiken definiert werden: Zugang und Partizipation, die Pluralisierung transnationaler Öffentlichkeiten und die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe durch neue Formen der Zusammenarbeit und Allianzen zwischen verschiedenen politischen Feldern. Durchaus in Überschneidung zwischen ihnen können sie mögliche Strategien der (Selbst-)Ermächtigung und der Artikulation von Subjektpositionen bedeuten. Erweiterte Teilhabe bedeutet deshalb nicht, den 70er Slogan „Kultur für alle“ wiederzubeleben oder mit populistischen Mitteln in die Steigerung des Konsums kultureller Massenprodukte zu investieren. Es meint die Notwendigkeit, neben kulturellen Produkten auch ihre Produktion und Verbreitung zugänglicher zu machen – vor allem auch für jene, die politische und soziale Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren. Die Aktivitäten verschiedenartiger Initiativen und Organisationen im kulturellen Feld sind wiederum ein Potenzial für die Herausbildung differenzierter und vielfältiger politischer Öffentlichkeiten auch auf transnationaler Ebene. Eine Kulturpolitik, die neue Formen der Zusammenarbeit und der Allianzenbildung zwischen selbstorganisierten Gruppen als emanzipatorische und grenzüberschreitende Praxis unterstützt, würde auch die Bedingungen für den Austausch „kultureller Differenz“ schaffen und damit Räume der Artikulation, in denen alle für sich selbst sprechen statt „repräsentiert zu werden“.

Initiativen von unten

Der französische Philosoph Etienne Balibar fordert in seinem Buch „Sind wir Bürger Europas?“ eine fundamentale Demokratisierung der Grenzen Europas. Diese verlaufen, wie er sagt, nicht länger ausschließlich entlang der äußeren – ebenso imaginären wie zunehmend aggressiv abgeriegelten – territorialen Begrenzungen, sondern sie haben sich ebenso wie die entsprechenden Praktiken mitten in den politischen Raum verlagert. Das wirft ein neues Licht auf die apodiktischen Beschwörungen der „kulturellen Grenzen“ Europas als Ausdruck einer ständigen Verschiebung des Diskurses vom Politischen ins Kulturelle. Die Konstruktion einer „europäischen (kulturellen) Identität“ wird hier als Mittel der Grenzziehung zwischen Teilhabenden und Nicht-Teilhabenden funktionalisiert und dient u.a. als Legitimierungsstrategie für rechtliche und soziale Ausschließungs- und Unterdrückungsmechanismen. Dies verweist auch auf die These Balibars einer Unterscheidung zwischen den einander durchdringenden und konfrontierenden Konzepten des „ethnos“, des „Volks“ als imaginärer Gemeinschaft der Abstammung und Affiliation einerseits, und andererseits des „demos“ im Sinne einer politisch definierten Gemeinschaft des Konflikt- und Interessensausgleichs in einem öffentlichen politischen Raum.

Für die Herausbildung eines solchen braucht es auch theoretische und aktivistische Initiativen von unten. Netzwerke, temporäre Plattformen und experimentelle Kollektive im kulturellen Feld können Räume der Auseinandersetzung und des Austauschs als grundlegende Voraussetzungen für eine demokratische Partizipation sein – unabhängig davon, ob sie real existieren oder virtuell sind. Idealerweise führt die Transnationalisierung kulturpolitischer Diskurse durch verschiedene Praxen des Austauschs und der Vernetzung auch über das engere kulturelle Feld hinaus zur Artikulation konkreter politischer Forderungen. Beispiele dafür können in den europa- und auch weltweiten Vernetzungsaktivitäten soziokultureller Zentren ebenso gesehen werden wie in verschiedenen Netzwerken und Plattformen unabhängiger Printmedien oder Radios, in Netzkulturprojekten oder aktivistisch-diskursiven Foren. Sie haben oft den entscheidenden Vorteil, dass sie den Raum für die Formulierung und den Austausch von Minderheitenpositionen schaffen, niederschwelligen Zugang erlauben und auf kollektiven Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen beruhen. Auch wenn diese Praxen der Zusammenarbeit oft konfliktuös und riskant sind, stellen Beispiele wie Euro-Mayday oder Open Source Alliances Möglichkeiten für einen gemeinsamen, kreativen Kampf in Richtung einer „kommenden Gemeinschaft“ dar, die keinen Anspruch auf Identität erhebt und jedes Kriterium einer ausschließenden Zugehörigkeit ablehnt.


Therese Kaufmann ist Co-Direktorin des eipcp

Dieser Text ist eine gekürzte, übersetzte Fassung der Autorin von strategies of (self)empowerment and spaces of resistance, online nachzulesen hier: www.freietheater.at/material/Doku_EON.pdf

Links

www.eipcp.net
www.euromayday.org
www.opensource.org

Literatur

  • Etienne Balibar: Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen, Hamburg 2003
  • Therese Kaufmann, Gerald Raunig: Anticipating European Cultural Polices, Vienna 2003