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Überholen ohne einzuholen

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(Zeitung 2006) Das österreichische Exzellenzgeschäft. Monika Mokre

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Seit langem bezeichnet sich Österreich gerne als Weltkulturmacht. Seit kürzerer Zeit verstehen sich auch die österreichischen Universitäten als Weltklasseunis – zumindest wenn mensch der gleichnamigen, vom Bildungsministerium eingerichteten Webpage glauben möchte. Zugleich schrumpfen Kultur- und Wissenschaftsbudgets. Hat die österreichische Regierung also eine Geheimformel entdeckt, mithilfe derer immer weniger Geld immer mehr Exzellenz erzeugt?

Wir präsentieren: Das brandaktuelle Rezept der neuen österreichischen Küche: Menü „Österreichische Exzellenz“; Speisenfolge: Weltkulturmacht, Weltklasseuniversitäten, Erfolg im Standortwettbewerb; Zutaten: Qualität, Exzellenz, Soft Skills; Erforderliche Utensilien: Marktgängigkeit, Selbstfinanzierung, Rentabilität

Die neue österreichische Küche unterscheidet sich bekanntlich vom traditionellen Beiselessen durch ihre Verfeinerung – ausgewählte Zutaten sorgfältig kombiniert zu kleinen Portionen, die die schlanke Linie nicht gefährden. Gesunder Genuss, der die Gäste leistungsfähig und einsatzwillig erhält. Keine bunt gemischten Eintöpfe, bei uns kommt nur das Beste auf den Tisch.

Das neoliberale Kochrezept

Dieses Erfolgsrezept junger, kreativer KöchInnen wurde nun auch von der österreichischen Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik übernommen. Weg mit der langweiligen Gießkanne, vorbei die Mühen um akzeptable Ausbildungschancen für alle; es geht um beste Qualität. Die Kriterien für diese Qualität stehen im Kochbuch neoliberaler und neokonservativer Politik ganz vorn: Der Markt zeigt stets und zuverlässig an, wo es langgeht.

Auf andere Messinstrumente lässt sich daher gut und gern verzichten; sie verzerren nur das schöne Bild: Die großen und mittleren österreichischen Universitäten wurden in einem Ranking der deutschsprachigen Hochschulen im Mittel- und Schlussfeld gereiht [1]. Österreich hat im internationalen Vergleich eine der höchsten StudienabbrecherInnenquoten [2]. Die PISA Studie stellt Österreichs Schulen zwar insgesamt ein recht gutes Zeugnis aus, zeigt aber z. B. auch einen erheblichen Leistungsabstand zwischen SchülerInnen aus Familien mit nicht-deutscher Muttersprache und Kindern Einheimischer. Die kulturelle Vielfalt nimmt jedes Jahr ein wenig mehr ab, wenn wieder einige kleinere Kulturorganisationen ihre Arbeit einstellen müssen, weil ihnen die Subventionen entzogen werden.

Diese unterschiedlichen Befunde haben eine gemeinsame Ursache: Geldmangel, genauer, Mangel an öffentlichem Geld, der durch den Markt nicht kompensiert wird, nicht jetzt und auch nicht in Zukunft. Das neoliberale Kochrezept hat ein paar gravierende Mängel, die durch schlampiges Abschreiben von den großen ökonomischen RatgeberInnen entstanden sind. Denn selbst erzkonservativen ÖkonomInnen ist bewusst, dass es gesellschaftliche Leistungen gibt, die nicht auf den Markt verlagert werden können. Unter dem Begriff „Marktversagen“ werden alle jene Situationen zusammengefasst, in denen Marktmechanismen nicht funktionieren – und von denen gibt es eine Menge, gerade in den Bereichen Bildung und Kultur, die sich sehr knapp zusammenfassen lassen: Bildung und Kultur sind Werte, die für eine Gesellschaft wichtig sind, unabhängig davon, ob die Einzelnen sie sich leisten können oder wollen. Und daher muss der Staat dafür aufkommen. In welcher Höhe und unter welchen Rahmenbedingungen er das tut, hängt von den Zielen ab, die erreicht werden sollen. Sinnvoll wäre es, sich diese Zielsetzungen zuerst zu überlegen und in einem zweiten Schritt festzustellen, wie sie unter stets gegebenen budgetären Einschränkungen zu erreichen sind. Weniger sinnvoll ist es, ein budgetäres Ziel als oberste gesellschaftliche Priorität zu setzen (wie etwa das Nulldefizit, um das es im Übrigen erstaunlich ruhig geworden ist) und ihr alle anderen gesellschaftlichen Ziele unterzuordnen.

Ich-Management der zeitgenössischen Wissensgesellschaft

Wenn wir nun wiederum von den harten Budgetzahlen in die rosige Welt der PolitikerInnenreden zurückkehren, so finden wir dort an prominenter Stelle Zielsetzungen, die mit Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik zu tun haben – Kreativität und wissenschaftliche Exzellenz etwa. Doch offensichtlich wird erwartet, dass solche Qualitäten sich spontan entwickeln; das Bild des Geniekünstlers oder des Universalgelehrten aus dem 19. Jahrhundert wird nahtlos transformiert zum Ich-Manager der zeitgenössischen Wissensgesellschaft. Schulbildung, freier Zugang zu den Universitäten, kulturelles Leben haben im zeitgenössischen politischen Verständnis keine Auswirkungen auf das, worum es geht, um die Spitzenleute. Besinnen wir uns also auf die ewigen Werte, um die herum wir stolz unsere österreichische Identität ranken – das kulturelle Erbe, die Staatsoper, die liebevoll-verklärte Erinnerung an die wissenschaftliche Blütezeit Wiens um 1900 -, mixen wir ein paar zeitgemäße Zutaten dazu – Creative Industries, Standortvorteile, Soft Skills – und vergessen wir den sozialdemokratischen Einheitsbrei der 1970er und beginnenden 1980er, der viel zu langweilig war für den Geschmack unserer flexiblen und dynamischen Generation.

Wobei auch die alten Rezepte keine kulinarischen Köstlichkeiten erwarten lassen: Die österreichische Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik der gesamten Zweiten Republik war wesentlich durch die Aufrechterhaltung von Traditionen aufgrund von Mangel an zeitgemäßen Alternativen geprägt. Weder der pragmatisierten Professorenherrlichkeit an den Universitäten noch der diskussionslosen Subventionierung von allem, was sich als kulturelles Erbe verkaufen lässt, muss nachgeweint werden. Und die weit reichenden Reformvorhaben der sozialdemokratischen 1970er zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie ihre eigenen Versprechen uneingelöst ließen. Der Anteil von ArbeiterInnenkindern unter den Studierenden blieb kontinuierlich lächerlich gering. Frauen stießen in den Universitäten stets und vorhersehbar an gläserne Plafonds. Die öffentlichen Ausgaben für freie Kulturarbeit machten immer einen sehr geringen Bruchteil der Subventionen aus, die an die großen Institutionen gingen.

Seit Jahrzehnten wurden daher neue politische Konzepte und daraus folgende Verteilungsschlüssel gefordert. Stattdessen gibt es jetzt neue Schlagworte und allgemeine Einsparungen. Und für diejenigen, die vorher zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel erhielten (die freien UniversitätslektorInnen und die kleinen Kulturinitiativen etwa), hat sich nun die Lage geklärt: Sie erhalten großteils einfach gar nichts mehr.

„Plus ça change, plus c’est la même chose“ (je mehr sich alles ändert, desto eher bleibt alles beim Alten), wäre eine mögliche Art der Interpretation dieser Entwicklungen. Aber vermutlich eine, die nur kurzfristig zutrifft. Denn auf längere Sicht spielt es schon eine Rolle, welche Diskurse zur Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik geführt werden, welche Zielsetzungen behauptet werden – auch wenn sie letztendlich nicht oder nur mangelhaft erreicht werden. Und wo es in der sozialdemokratischen Politik um Chancengleichheit ging, geht es jetzt um die Freiheit des Marktes – und die Freiheit der Einzelnen, sich auf diesem Markt zu behaupten – mit der Grundausstattung an Privilegien oder Handicaps, die sie eben mitbringen. Wo es um breiten Zugang zur Rezeption und Produktion von Kunst ging, geht es jetzt um breite Zahlungsbereitschaft – wer zahlen kann, nimmt teil, und nur das, wofür gezahlt wird, kann stattfinden. Und die öffentliche Hand finanziert genau diejenigen, die sich selbst am besten behaupten.

Wären kulturelle und wissenschaftliche Qualität Naturerscheinungen, die nur nicht behindert werden müssen, so würde diese Art der Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik zwar zu neuen und gravierenden gesellschaftlichen Bruchlinien zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden führen, sowie zur Prekarisierung von denjenigen, die sich im Bereich Kultur und Wissenschaft nicht im Spitzenfeld bewegen – aber zumindest könnte die Politik dann ihr selbst gestecktes Ziel der Exzellenz erreichen. Da allerdings kulturelle und wissenschaftliche Qualität in genau denjenigen Ausbildungswegen erreicht werden, denen zunehmend das Wasser abgegraben wird, steht zu erwarten, dass dieses Konzept auch in dieser Hinsicht scheitert.

„Überholen ohne einzuholen“, funktioniert nicht, wie jede/r AutofahrerIn weiß. Übrigens wurde dieser Slogan von der DDR-Regierung zur Charakterisierung ihres Verhältnisses zum westlich-kapitalistischen Ausland erfunden.



Monika Mokre ist Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende von FOKUS, der Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien

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[1] www.das-ranking.de; 2006-07-26

[2] www.falter.at/heureka, 2006-07-26