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Arbeit? Einkommen!

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Ein Rückblick auf das Symposium State of the Art – Arbeit in Kunst, Kultur und Medien des Kulturrat Österreich Anfang März 2008 in Wien (aus: Materialien zum Symposium State of the Art, Dezember 2008) Clemens Christl und Sabine Kock

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Das Doppel Arbeit und Einkommen scheint einerseits dominierend für die Organisation des Lebens – andererseits nicht nur, aber gerade im Kunst-, Kultur- und Medienbereich selten stimmig im Verhältnis beider Komponenten zueinander. Oft fehlt das Einkommen (meist ist es zu niedrig). Gleichzeitig ist grundlegend kritisch zu hinterfragen, wieso Arbeit und Einkommen so eng miteinander verknüpft sind. Ist dies (und für wen) wünschenswert, oder andersherum, inwieweit ist diese behauptete Abhängigkeit theoretisch, politisch und praktisch überhaupt zutreffend und was sagt sie aus? Was ist Arbeit? Und was Einkommen? Dies war kurz zusammengefasst der Ausgangspunkt für das Symposium State of the Art – Arbeit in Kunst, Kultur und Medien.

Der praktische Anknüpfungspunkt im Kulturrat Österreich war die intensive Arbeit zum Künstlersozialversicherungsfonds-Gesetz (KSVFG), dessen grundsätzliche Unzulänglichkeiten notwendig auch zu grundlegenden Fragen der gesellschaftlichen Verteilung von Einkommen (inkl. sozialer Absicherung) führten. Unterschiedliche Zugänge und Einschätzungen im Kulturrat Österreich führten in der Konzeption des Symposiums zu einem programmatischen Doppelformat – Platz für Theorie und pragmatisch Konkretes – und zu einem inhaltlichen Bogen von einem Einblick in Theorien und Diskurse der Arbeit zu praktischen Wechselwirkungen zwischen internationalen Gesetzen/Reglementierungen/ Voraussetzungen und den Möglichkeiten, Lohnarbeit überhaupt verrichten zu dürfen bzw. dem Zusammenhang vom gesellschaftlichen Umgang mit Erwerbslosen und dem Druck auf Einkommen bis hin zu einem Blick auf mögliche Formen und reale Probleme der Selbstorganisation.

Karl Reitter entwickelte seinen Eröffnungsbeitrag aus einer marxistischen Perspektive: Was Entfremdung, Mehrwert, symbolische Arbeit für die Arbeit in Kunst und Kultur bedeuten können und inwieweit aktuelle Visionen – etwa John Holloways Konzept der „kreativen Macht” – Möglichkeiten einer neuen Arbeitspraxis eröffnen könnten, diskutierten im Anschluss Nika Sommeregger und Eva Blimlinger gemeinsam mit dem Referenten und dem Publikum. Letztere warf einen kritischen Seitenblick auf die Institution der Kunstakademien, in denen nach wie vor ein in der Tradition des Geniediskurses stehender „Künstlerbegriff” unhinterfragt tradiert wird.

Monika Mokre und Elisabeth Mayerhofer eröffneten den Horizont des internationalen Parketts mit einem Blick auf Förderbedingungen, die Frage des Urheberrechts bis hin zur Europapolitik und deren ‚Fetisch’ Mobilität ‒ ein Irreales, wie der interventionistische Beitrag von Petja Dimitrova im Anschluss eindrucksvoll belegte.

Mag Wompel, Journalistin und Gewerkschaftsaktivistin aus der Bundesrepublik Deutschland, konzentrierte ihren Vortrag auf praktische Fragen der Verschärfung des Arbeitsmarktes und konkrete Strategien für widerständige Praxen. Monika Klengel vom Theater im Bahnhof stellte im anschließenden Panel die Arbeit des TIB als ein Best-Practice-Beispiel dar, bei dem es gelingt, das gesamte Team das ganze Jahr hindurch angestellt zu beschäftigen und so zweierlei „Freiräume“ zu schaffen – für die Arbeit des TIB und für die je eigenen Projekte und Freizonen. Eva Simmler ergänzte hierzu ihre Analyse und ambivalente Perspektive zu den Praktiken des Arbeitsmarktservice. Moderiert wurde von Sabine Kock, Marty Huber und Patricia Köstring.

Die ersten beiden Tage mit den thematisch verschieden zentrierten Panels und Podien boten durch die zeitliche Struktur viel Platz für Diskussion. Im Zusammenhang mit der Wendung der Vorträge durch die anschließenden Podienbesetzungen ins Kunst-, Kultur und Medienfeld waren es vor allem praktische Problemfelder, die den Inhalt der Diskussionen bestimmten. Auszugsweise: die Frage nach der künstlerischen Elite, angelegt in den radikalen Zugangsbeschränkungen der Kunstuniversitäten; zentrale Fragen der persönlichen Arbeitskonzeption – Recht auf Faulheit vs. Arbeit ist alles; der inhaltliche Orientierungs­wandel bei Projekten – von selbstgewählten Themenstellungen zur Anpassung der Konzepte an die thematischen Vorgaben der SubventionsgeberInnen; die vor allem marktreglemen­tieren­den Vorgaben internationaler Abkommen und deren Auswirkungen auf einzelne KünstlerInnen, Kultur- und Medienschaffende plus deren Nichtdurchschlagen auf z.B. kompatible Systeme sozialer Absicherung; u nd meist vakant, aber permanent vorhanden, das große Problem mangelnder Kompatibilität von Arbeit, Sozialversicherungs­system und Angeboten sozialer Transferleistungen. Vor allem gegen Ende kam auch die andere Seite der Kritik zur Sprache: Handlungsansätze, Widerstandsmöglichkeiten und konkrete Beispiele.

Der zweite, pragmatisch angelegte Teil war als Arbeitstagung konzipiert – und aufgrund der Fülle der abzuhandelnden Themen von vorneherein eher wackelig in punkto Ergebnis­orientierung. Letztlich war es eine Zusammenfassung der bereits an den Tagen zuvor deutlich gewordenen Problemzonen, verbunden mit intensiven Diskussionen über vorgeschlagene Modelle zur Ergänzung des KSVF für unselbstständig Beschäftigte und einem „Infodienst“ durch anwesende VertreterInnen der SVA bzw. des AMS. Praktisches Highlight war sicher die Erklärung von BMUKK-Kunstsektionsleiterin Andrea Ecker, das Problem der schleichenden Subventionsverringerung durch Nichtanpassung an die Inflation in Verbindung mit neuen, für die subventionierten ArbeitgeberInnen billigeren Arbeitsver­hältnis­sen sei im Ministerium bekannt – und die kontinuierliche Inflationsanpassung von Subventionen werde ein Arbeitsschwerpunkt der nächsten Jahre sein.

Mehr noch als das Abschlussplenum, auf dem Zuzana Brejcha, Daniela Koweindl, Sonja Russ und Sabine Prokop, moderiert von Rainer Hackauf, Vernetzungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen aus verschiedener Organisationsperspektive politischer Handlungsfelder diskutierten, offenbarte die Zusammenfassung der ersten beiden Symposiumstage durch Johanna Schaffer, dass – gewissermaßen nebenbei – sehr viele konkrete Handlungs­strategien und Visionen in Diskurs und Diskussion eingebracht worden waren.

Klarer als davor stellt sich jedenfalls eines dar: Das Themenfeld Soziales mag zwar unsexy sein – präsent ist es aber an allen Ecken unseres Tuns. Notwendig sind zuvorderst schnelle, aber kleine Krisenbereinigungsmaßnahmen – insgesamt jedoch jedenfalls eine grund­legende Systemänderung. Um sinngemäß mit Mag Wompel zu schließen: Derzeit ist die Frage nicht die Realisierbarkeit eines bedingungslosen existenzsichernden Grundein­kommens, sondern das Vorhandensein einer konkreten Vorstellung von einem besseren System.

Das Ziel dahinter bleibt: Alles für alle, und das umsonst!


Clemens Christl ist Mitarbeiter des Kulturrat Österreich und war als solcher an der Konzeption und Durchführung des Symposiums „State of the Art – Arbeit in Kunst, Kultur und Medien” beteiligt.

Sabine Kock ist Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit, derzeit in Bildungskarenz, und aktuell Beirätin des Kulturrat Österreich.